Probefahrt im BMW 530d E60

BMW E60

Als mein kleiner E39 gestern beim langersehnten Ölwechsel war, nahm ich die Gelegenheit wahr, einen neuen E60 530dA ausführlich probezufahren. Der Termin war um 9 Uhr morgens – nach meinen Maßstäben also mitten in der Nacht. Es war ar…..kalt, aber wenigstens war es trocken und die Sonne lachte auf uns herab. Ein idealer Tag, um der Funktion der Sitzheizungeinen Leistungstest abzuverlangen.

Nach den üblichen bürokratischen Vorgängen bekam ich die Papiere und den Schlüssel in dieHand gedrückt, und der Verkäufer begleitete mich zu dem schwarzen Testwagen. Leider war der Schlüssel kein Super-High-Tech-Teil wie beim E65, sondern ein ganz einfacher, wie schon aus dem späten E39 bekannt.

Obwohl ich wußte, was mich erwartete, mußte ich beim Einstieg angesichts der Schlichheit des mit weißem Leder und Valvonaholz ausgestatteten Innenraums erstmal schlucken. 😦

Bei der kurzen Einführung durch den Verkäufer stellte ich fest, daß bis auf das i-Drive die Bedienung pretty-standard ist. Die Sitzeinstellung ist wieder Links (bzw. Rechts) unten am Sitz und leider so gestaltet, daß man die Tasten leicht verwechselt. Die Lösung beim E65 gefällt mir persönlich sehr viel besser. Auch ließen sich bei den installierten Sportsitzen die Rückenoberteile nicht verstellen, so daß es mir unnmöglich war, eine wirklich bequeme Sitzposition zu finden.

Auch sind die Armlehnen ungewohnt. In der Mitte vermisse ich die verschiebbare Mittelarmlehne,und Links will mein Ellenbogen an der Türkante keinen rechten Halt finden. Die Ablagen sind eher knapp bemessen, und das Fach in der Mitte fiel durch das Telefon weg.

Um die Soundanlage zu testen, hatte ich mir extra den Inhalt meines CD-Wechslers eingesteckt,aber – oh schande – der immerhin 60.000€ teure Testwagen hatte nur einen einfachen DVD-Player installiert, in dem die DVD des Navisystems steckte. Na ja, egal, man kann ja erstmal Radio hören.

Das Radio wird hauptsächlich durch den I-Drive bedient. Als erstes wird dem geschockten Benutzer doch tatsächlich die Anzeige eines hochmodernen Frequenzbands zugemutet, welches die Anmutung eines Becker Avus Kurier Radio von anno 1985 hatte. Gottseidank gab es auch eine Liste der Sender, die aber reichlich kreativ gestaltet war:

1. Sender 1———–4. Sender 4

—–2. Sender 2———–5. Sender 5

———–3. Sender 3———–6. Sender 6

usw (wobei Sender x natürlich jeweilige Sendername war). Durch einfaches Drehen des i-Drives konnte der Sender gewechselt werden. Sorry Leute, aber um ehrlich zu sein: meine einfachen Stationstasten sind mir lieber.

Der Verkäufer guckt schon fragend aus dem Fenster, also wird schnell die Sitzheizung auf Stufe 3gestellt und der Motor gestartet (oder umgekehrt :zwink ), und der Wagen versucht, mich durchein lustig laut nagelndes Dieselgeräusch mit Vorfreude zu erfüllen.

Hmm. Ich nehme den Fuß von der Bremse – und der Wagen bewegt sich mit der Dynamik einer Wanderdüne. Erinnert irgendwie an Moms 75PS Polo. Na ja, also muß man zum Rangieren wohl doch ein wenig Gas geben. Die Aktivlenkung fühlt sich recht fest an, sie ist nicht ganz so leichtgängig wie ich es vom 7er kenne.

Ich fahre runter vom Hof, rauf auf die Hauptstraße, und mit Volldampf voraus! Nach kurzer Gedenksekundebekommt man quasi einen Tritt in den Allerwertesten und der Tacho ist in nullkommanix auf 80 Sachen.

Später finde ich heraus, daß der Motor bis ca 2,500 U/min sehr zäh ist, danach aber sehr plötzlich sehr sehr temperamentvoll wird. Er ähnelt in der Charakteristik meinem früheren E34 520i, nur noch viel extremer.

Als erstes rolle ich mit dem Plastikbomber langsam Richtung Heimat. Ein kurzer Zwischenstop, um das plärrende Radio durch eine meiner CDs zu ersetzen. Navi brauch ich hier sowieso nicht, also wird erstmal fette Mucke aufgelegt. Nach einigem Suchen finde ich die Einstellungen für den Bass, und auch ohne LOGIC7 wird der Innenraum von einem satten uz-uz-uz Sound erfüllt.

So rollen wir nach Hause, wo mein Vater den 5er erstmal für einen 3er hält und angesichts des Preises nur den Kopf schütteln kann. Ich schüttele fröhlich mit und betätige erstmal den Kofferraumöffner im Schlüssel, worauf der Deckel auch ohne elektrische Unterstützung munternach oben schwingt. Die Größe paßt, man sieht die unzweideutigen Spuren eines Satzes dreckiger Golfschläger.

Leider geht der Deckel aufgrund des Federmechanismusses ein wenig schwergängig zu. 😦

Kurz die Kehle mit dem Standard-Lebenelexier anfeuchten, und weiter gehts Richtung Harz. Der Motor hat sich ein wenig beruhigt, und bei langsamer Fahrt entspricht das Geräuschniveau meinem E39. Ab auf die Bahn und das Gaspedal durchgedrückt. Hier ist der 530d in seinem Element, die Beschleunigung ist sehr gut, er überschreitet locker die 200er Marke – deutlich besser als mein 528er. Die Geräuschkulisse ist angenehm unaufdringlich, das lauteste sind noch die Autos,die rechts an mir vorbeiziehen – das erste mal mache ich mir darüber Gedanken, wie angenehm doch eine Doppelverglasung wäre.

Leider muß ich immer wieder Bremsen, das Überholprestige scheint doch eher auf 3er Niveau zu liegen, liegt wohl an den Proportionen. Gottseidank ist die Bremsanlage recht standfest. Auf einem freien Abschnitt gebe ich volles Rohr, der Tacho überschreitet die 230 und eilt in Richtung 240, als bei einer Bodenwelle ein markerschütterndes Quietschen aus dem Fahr-

werksbereich kommt. Kurzentschlossen setze ich die zulässige Höchstgeschwindigkeit auf 220 herab, denn das Geräusch war alles andere als gesund.

Die Autobahnetappe ist leider viel zu schnell zu Ende. In einem Baustellenbereich hab ich Gelegenheit, mit dem Tempomaten zu spielen, dessen Bedienung sich nach kurzer Zeit als sehr sinnig erweist, man bekommt nämlich die gewünschte Geschwindigkeit als Zahl und Markierung angezeigt und kann sie schrittweise verstellen.

Ein Ärgerniss ist und bleibt der elektronische Blinker, der leider seinen Weg in immer mehr Neuwagen findet. Irgendwie vertippt man sich immer wieder und fährt wild blinkend durch die Gegend. Die Anzeige wird leider meist vom Lenkrad verdeckt, und wenn man mit voller Mucke durch die Gegend cruist hat man keine Chance, ihn zu hören.

Nachdem die Baustelle überstanden ist, sind wir schon fast in den Bergen. Noch kurz durch Bad Harzburg, und dann geht es durch zahlreiche Kurven und Windungen bergauf.

Hier mutiert der 530d mit Sportfahrwerk zum gierigen Kurvenräuber. Zur Feier des Tages ignorieren wir die Tempolimits und heizen mit Vollgas durch die engen Kurven. In Kombination mit der Aktivlenkung fegt der 5er die Windungen entlang daß es eine wahre Freude ist.

Oder um Julia Roberts zu zitieren: „Der geht ja durch die Kurven wie auf Schienen!“

Im Gegensatz zu meinem E39, der mehr eine komfortable Sänfte ist, scheint der E60 die sportlichen Gene des E34 bekommen zu haben. So muß ein BMW fahren.

Auf einem sonnigen Parkplatz machen wir eine Verschnaufpause. Eine gute Gelegenheit, mit dem i-Drive zu spielen und den Innenraum eingehend zu betrachten.

Der Menüknopf des i-Drives ist sehr praktisch. Im Gegensatz zum E65 hat er allerdings kein Force-feedback, so daß man nicht merkt, wann man mit einem Menü zuende ist. Nach einiger Zeit finde ich heraus, wie man sich effizient durch die einzelnen Menüebenen bewegt.

Interessant ist das Servicemenü, wo man für zahlreiche Punkte wie Bremsbeläge, Luftfiler, Ölwechsel und andere Dinge feststellen kann, wann der nächste Service fällig ist. Genauso sind die Optionen schön, mit denen man z.B. einstellen kann, daß die Türen beim Anfahren automatisch verriegelt werden.

Irritierend ist bloß, daß die Blinker betätigt werden, wenn man den Wagen öffnet – bei meinen E39 wird beim Schließen geblinkt.

Das einzig Blöde ist, daß man sich merken muß, wo welches Menü ist. Im Gegensatz zum E65 gibt es zwar nur 4 Hauptmenüs, allerdings ist die Zahl der Funktionen ähnlich groß und die Menüs einfach nur tiefer geschachtelt. Es hat übrigens ewig gedauert, bis ich herausfand, daß in der Mitte ein 5tes Hauptmenü versteckt ist, mit der man die Fahrzeugkonfiguration aufrufen kann (gibts das beim E65 auch???)

Genug gespielt, ich steige aus, um den Wagen von allen Seiten zu betrachten. Über das Design will ich mich hier nicht auslassen, im Gegensatz zum E65 finde ich ihn ein wenig langweilig, und bei einem schwarzen Auto kann man eh keine Konturen erkennen.

Also steige ich wieder ein, diesmal auf meinem früheren Stammplatz hinten rechts. Im Fond ist deutlichmehr Platz als im E39, man sitzt recht kommod. Bei längerer Betrachtung fällt mir auf, daß das anfangsgewöhnungsbedürftige Design der Türen eine durchgehende wellige Linie bildet, die sich über den gesamten Innenraum erstreckt. Nicht undumm.

Trotzdem gefällt mir das Armaturenbrett immer noch nicht so richtig. Von den Proportionen her erinnert es irgendwie an den E28. Ein paar Chromapplikationen, Vollleder Armaturenbrett und etwas hellere Umrahmungen der Schaltflächen wie im E65 könnten den Innenraum ein wenig aufwerten, denn die Grundform ist gar nicht so übel. Vermutlich werden wir auf das Facelift warten müssen.

Die Materialien fühlen sich ganz anders an als im E38/39, sie sind fester, rauher, nicht so glatt und weich. Nicht unbedingt schlechter, aber anders. Schon der Facelift E39 hat sich so angefühlt, offenbar gab es ende der 90er eine Änderung in der Materialauswahl bei BMW.

Die Zeit drängt, ich setze mich wieder nach Vorne und programmiere das Navi für die Heimfahrt. Es geht recht flott, allerdings scheint es keine Kartendarstellung zu geben. Eine Frechheit für ein laut Preisliste 1.800€ teures Navisystem.

Beim Losfahren teste ich nochmal das PDC, welches die Umgebung bildlich darstellt. Ein nettes Feature, eben wie im E65. Ob man sich dann bei der optionalen Rückfahrkamera für eine Darstellung entscheiden muß?

Auf dem Rückweg geht es bergab, eine prima Gelegenheit, die Steptronik zu testen. Absolut widersinnig ist es allerdings, daß man im Gegensatz zum E38 zum Hochschalten den Heben nach hinten ziehen muß und zum Runterschalten nach vorne. Wer sich wohl diesen Schwachsinn ausgedacht hat.

Prädikat: unbrauchbar, weil konterintuitiv.

Ich überlass dem Automat das schalten und wende mich wieder dem I-Drive zu, das auf der gottseidank leeren Straße einen großen Ablenkungsfaktor bildet. Eine halbe Stunde später sind wir wieder in Braunschweig.

Beim Navigieren braucht das Navi die DVD nicht unbedingt, so daß ich wieder CD hören kann. Meist aber lausche ich dem Sound des 6-Zylinders. Noch ein kurzer Abstecher zur Uni, um etwas zu erledigen und nocheinmal ausführlichen Gebrauch vom bunten PDC zu machen.

Auf dem Gelände sieht der neue Bimmer neben den alten Studentenkarren reichlich desplaziert aus, und ich beeile mich, weil ich wieder wie ne Frau geparkt habe und keine Lust auf Beulen vom Golf II nebenmir hab.

Dann zurück zu Block, Auto + Kommentar abgegeben, meinen wiederbekommen, und es wäre so ein schönerVormittag gewesen, wenn sie nicht schon wieder Geld für den Ölwechsel haben wollten.

Alles in allem ist der E60 – Design hin oder her – ein echter BMW der eine Menge Fahrfreude bereitet.

Trotzdem muß ich ehrlich sagen, daß mir mein E39 sehr viel besser gefällt, und wenn ich jetzt einen neuen BMW kaufen müßte, ich eher zum E65 tendieren würde, denn der Unterschied zwischen 7er und 5er ist größer denn je und der 7er sagt mir als luxuriöser Raumgleiter nicht nur vom Design hermehr zu.

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